Zuerst passiert ein paar Wochen lang überhaupt nichts und dann überschlagen sich die Ereignisse.
Ich bin nach wie vor krank und die coole "Boys don't cry"-Kategorie hat damit zum zweiten Mal in dieser Woche ihren Tribut gefordert.
Nachdem ich am Montag und am Dienstag einen Krankenschein hatte, erschien ich am Mittwoch wie gewohnt zur Arbeit, um mir noch ein paar Aufgaben mehr aufzubürden und noch ein paar Termine mehr in meinem Notebook einzutragen.
Das Resultat: Heute war ich nur noch einen Schritt von einem kompletten körperlichen Zusammenbruch entfernt und wurde von Cuddy nach Hause geschickt.
"Sie haben die Wahl, Foreman", meinte sie. "Entweder Sie gehen jetzt sofort nach Hause oder Sie bleiben hier... in einem Krankenzimmer!"
Naja, die Wahl zwischen einem Bett im PPTH oder einem Bett in Chase' Schlafzimmer fiel mir - ehrlich gesagt - sehr leicht.
Und so fuhr ich nach Hause. Mit Chase, der von Cuddy mit meiner Betreuung beauftragt wurde.
"Passen Sie auf, dass er sich hinlegt!" hatte sie ihm eingeschärft. "Und passen Sie auf, dass er liegen bleibt!"
"Kein Problem", hatte Chase grinsend geantwortet. "Im Notfall setze ich mich einfach auf ihn."
Jetzt liege ich mit meinem Labtop in Chase' Schlafzimmer in Chase' Bett (ohne dass er auf mir sitzt) und habe die Gelegenheit, von den Ereignissen dieser Woche zu berichten.
Zum Beispiel von Montag und der Entdeckung eines "Lochs" in meinem Bauch. (Nein, damit ist nicht der Bauchnabel gemeint!)
Und auch von gestern, als House, Wilson und ich ein sehr interessantes Gespräch über neue Ärzte und die "seltsame Beziehung" zwischen Chase und mir führten.
Aber eins nach dem anderen, um Wilson's Worte zu klauen.
Fangen wir an mit...
Montag - 10. September 2007:
Die Nacht von Sonntag auf Montag wurde zu einem Alptraum!
Zu einem sich über Stunden hinweg ziehenden und nicht enden wollenden Alptraum!
Neben den üblichen Erkältungsbeschwerden, begann ich außerdem noch unter Übelkeit und Magenkrämpfen zu leiden.
An Schlaf war nicht zu denken - weder für mich noch für Chase.
Chase hätte mich am liebsten sofort zum PPTH transportiert und mich untersuchen lassen.
Aber ich wollte nicht, trotz meiner extrem schlechten körperlichen Verfassung.
Ich meine, ich konsultiere meine Kollegen oft und gerne als Arzt wegen der Patienten!
Aber ausgesprochen selten und ungern als Patient wegen mir selbst!
Kann das jemand nachvollziehen?
"Hon', so kann es nicht weiter gehen", seufzte Chase, als der Morgen graute. "Du musst zum Arzt!"
Ich stöhnte leise. "Chase, du bist Arzt. Und ich bin Arzt. Wozu brauchen wir noch einen dritten? Eine 'Dreier-Beziehung' hat nie ein Happy-End! Da ist immer eine Person zuviel!"
"Ich gebe dir diesbezüglich vollkommen recht..."
"Na also..."
"Aber nicht, wenn es um deine Gesundheit geht!"
"Chase..."
"Eric! Erinnerst du dich noch an Dezember letzten Jahres? Als ich krank wurde?"
Ich schluckte und nickte. Das war eine Zeit, an die ich überhaupt nicht gerne zurück dachte.
"Wieviele Ärzte hattest du wegen mir konsultiert und um ihre Hilfe gebeten?" fragte Chase sanft.
Ich überlegte. "Naja... House... und Wilson... und Cuddy..."
"Ganz zu Schweigen von dem halben Dutzend Internisten, Lungenfachärzten, Kardiologen und so weiter und so fort, die mich Tag für Tag auf den Kopf gestellt hatten", ergänzte Chase.
"Ich habe mir furchtbare Sorgen um dich gemacht!" murmelte ich kleinlaut. "Und wollte, dass du schnellstmöglich wieder gesund wirst!"
"Eben! Und jetzt mache ich mir furchtbare Sorgen um dich und will, dass du schnellstmöglich wieder gesund wirst!" seufzte Chase.
Diese Argumentation saß.
Mit einem lauten Ächzen setzte ich mich im Bett auf und nickte. "Okay. Dann fahren wir jetzt zum PPTH."
"Danke, Honey", lächelte Chase und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
45 Minuten später fanden Chase und ich uns auf den zwei Besucherstühlen im Büro von Dr. Richard Hughes wieder.
Dr. Hughes ist Internist und nach Aussage von Chase "ein sehr netter und sehr kompetenter Kollege".
Ich hatte keinen Grund, diese Aussage zu bezweifeln. Schließlich war Chase mein Freund und er würde mich nicht jedem x-beliebigen Arzt anvertrauen.
Trotzdem...
Während wir das Eintreffen von Dr. Hughes erwarteten, nahm ich sein Büro in Augenschein und entdeckte etwas in einer Ecke, was mein Misstrauen erregte und mich zu einem Stirnrunzeln veranlasste.
Es war eine Zimmerpalme...
"Diese Zimmerpalme sieht nicht gesund aus", murmelte ich.
Chase folgte meinem Blick und betrachtete die Pflanze. "Findest du? Was ist an der Zimmerpalme nicht in Ordnung? Sie ist groß und sie ist grün."
"Aber die Blattspitzen sind gelb verfärbt", antwortete ich. "Dieses Ding ist mit Sicherheit ausgedörrt. Wenn der Doktor noch nicht einmal eine Zimmerpalme am Leben erhalten kann, will ich nicht wissen, wie er mit seinen Patienten umgeht."
Chase grinste. "Hon', möchtest du nach dem Zustand der Zimmerpflanzen in deinem Büro beurteilt werden?"
"In meinem Büro gibt es gar keine Zimmerpflanzen..."
Chase lehnte sich zu mir hinüber. "Richtig - jetzt gibt es keine mehr. Aber vor drei Monaten hattest du noch welche. Leider hattest du vergessen, sie regelmäßig zu gießen, weswegen sie vertrocknet sind." flüsterte er mir ins Ohr. "Du hast sie sterben lassen..."
Ich zuckte zusammen.
Und beschloß, heute nicht mehr weiter mit Chase über irgendetwas zu diskutieren.
Das Eintreffen von Dr. Richard Hughes riss mich aus meinen Gedanken.
Nachdem er Chase und mich begrüßt und uns die Hände geschüttelt hatte, nahm er hinter seinem Schreibtisch Platz und musterte uns wohlwollend.
"Also, Dr. Foreman", begann Dr. Hughes. "Dr. Chase hatte mir am Telefon bereits erzählt, worum es geht. Sie sind krank?"
Natürlich bin ich krank! Sonst würde ich nicht vor, sondern hinter dem Schreibtisch sitzen! dachte ich und stellte erschrocken fest, dass ich mich (wenn auch nur in Gedanken) wie House anhörte.
Ich nickte.
"Wann begannen die Symptome?" wollte Dr. Hughes wissen.
"Vor zwei Tagen", antwortete ich.
"Vor einer Woche", verbesserte Chase.
Ich schaute Chase an.
Chase schaute mich an.
Dr. Hughes schaute uns beide an.
"In Ordnung", murmelte er und machte sich Notizen. "Welche Beschwerden haben Sie, Dr. Foreman?"
"Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen", begann ich aufzuzählen. "Halsschmerzen, Schluckbeschwerden, Husten..."
"Das klingt nach einem grippalen Infekt", nickte Dr. Hughes und fuhr fort, sich Notizen zu machen.
Na also, da ist die Diagnose! Jetzt brauche ich nur noch ein Rezept für ein Antibiotikum und dann können Chase und ich wieder verschwinden!
"Seit heute morgen kommen noch Übelkeit und krampfartige Bauchschmerzen dazu", ergänzte Chase.
"Übelkeit und krampfartige Bauchschmerzen..." Dr. Hughes hob den Kopf und runzelte die Stirn. "Hmmm..." Er überlegte einen Augenblick. "Wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben, Dr. Foreman, würde ich wegen dieser Beschwerden sehr gerne eine Sonographie (= Ultraschall) bei Ihnen durchführen."
Hmpf...
"Natürlich hat er nichts dagegen einzuwenden", lächelte Chase und bedachte mich mit einem Seitenblick, der mich dazu veranlasste, zu nicken.
Keine Diskussionen.
Ich glaube, jeder weiß, welche Untersuchungen ein Arzt bei einem grippalen Infekt durchführt und wie eine Sonographie abläuft.
Von daher brauche ich nichts darüber zu schreiben, oder?
Letztendlich war der Befund der Sonographie in Ordnung, das Innenleben meines Bauches stellte sich genauso dar, wie es sein sollte.
Aber dann folgte - wie sollte es auch anders sein? - noch eine kleine Überraschung, als Dr. Hughes meinen Bauch abtastete. "Oh!"
"Oh?!?" Ich hob meinen Kopf, soweit es möglich war und starrte den Arzt an. "Was zur Hölle meinen Sie mit 'Oh'?!?"
Auch Chase, der im Türrahmen lehnte und die Untersuchung mitverfolgte, runzelte verwundert die Stirn.
Dr. Hughes drückte auf eine ganz bestimmte Stelle im Bereich des Unterbauches, was mich zu einem Schmerzenslaut veranlasste, und meinte: "Hier ist ein Loch!"
"Ein Loch?!?" rief ich.
"Was für ein Loch?!?" rief Chase.
"Dr. Foreman, Sie haben einen Bruch im Bauch", erklärte Dr. Hughes. "Ein Hernie."
Zur Erläuterung für die interessierten Leser:
Bruch/Hernie = Hervortreten von Eingeweide aus der Bauchhöhle durch eine Lücke der Bauchwand.
Okay, ein Bruch ist normalerweise weder schmerzhaft noch tödlich.
Mit Hilfe einer Operation werden die hervortretenden Eingeweide einfach wieder in die Bauchhöhle zurückgestopft, alles wird zugenäht und alles wird gut.
Dennoch hätte ich auf diese Diagnose verzichten können.
Wodurch der Bruch in meinem Bauch verursacht wurde, konnte Dr. Hughes mir nicht sagen.
Auch die Ursache für die Magenkrämpfe blieb ungeklärt.
Aber schlussendlich kann ich nicht behaupten, dass Dr. Hughes mich nicht gut versorgt hat!
Ich bekam eine Infusion mit Schmerzmitteln, ein Rezept für ein Antibiotikum, eine Krankmeldung für zwei Tage (die von Cuddy sogar abgesegnet wurde) und die Empfehlung, jede größere körperliche Anstrengungen zu vermeiden.
Was für mich die Frage aufwarf, was Dr. Hughes unter "einer größeren körperlichen Anstrengung" wohl verstand.
Und weil ich ungeklärte Fragen hasse, ging ich noch einmal zu seinem Büro zurück, während Chase auf dem Parkplatz in seinem Auto auf mich wartete.
"Haben Sie etwas vergessen, Dr. Foreman?" lächelte Dr. Hughes, nachdem er mich in sein Büro gebeten hatte.
"Nicht direkt. Aber ich habe noch eine Frage."
"Na, dann schießen Sie mal los."
"Also...", begann ich. "Wie Sie vielleicht wissen, sind Dr. Chase und ich nicht nur Kollegen..."
Dr. Hughes nickte. "Sie sind ein Liebespaar."
"Richtig... Und da Sie sagten, dass ich bis zu meiner Operation jede größere körperliche Anstrengung vermeiden sollte, stelle ich mir jetzt die Frage, was als größere körperliche Anstrengung gilt... Ich meine, bis zu der Operation können noch ein paar Monate vergehen..."
Dr. Hughes lehnte sich in seinem Sessel zurück und lächelte. "Sie möchten wissen, ob Sie weiterhin mit Dr. Chase schlafen dürfen?"
"Ähm... Ja... Genau das!"
"Nun, Dr. Foreman, wenn Sie sich körperlich fit fühlen, dürfen Sie in diesem Bereich tun und lassen, was immer Sie wollen."
"Ohne Einschränkung?" fragte ich.
Dr. Hughes überlegte. "Vielleicht mit einer einzigen..."
Nach dieser zufriedenstellenden Auskunft, machte ich mich endlich auf den Weg zum Parkplatz vor dem PPTH.
"Naaa? Was sagte Dr. Hughes zu deiner Frage wegen unseres Liebeslebens?" grinste Chase, nachdem ich eingestiegen war und mich angeschnallt hatte.
Ich starrte Chase an. "Woher weißt du denn, dass ich Dr. Hughes ausgerechnet danach gefragt hatte?!"
"Reine Intuition", kicherte Chase und startete den Motor. "Schließlich kenne ich dich seit mehr als drei Jahren und wir sind seit neun Monaten ein Paar! Ich weiß, was in deinem Kopf vorgeht, Eric. Und jetzt beantworte bitte meine Frage."
"Ach! Dich interessiert es also auch, hm?"
"Natürlich!"
"Okay, Dr. Hughes sagte, wir können in diesem Bereich tun und lassen, was immer wir wollen. Und er muss es ja wissen. Immerhin ist er ein sehr netter und sehr kompetenter Kollege. Trotz seiner ausgedörrten Zimmerpflanze!"